Freitag, 3. Februar 2012

Dark Side of the Moon

Heute las ich einen Artikel über eine NASA-Mondmission, bei der zwei Satelliten die Mondoberfläche überfliegen, um dabei Daten über unseren Erdtrabanten zu sammeln. Am 19. Januar 2012 funkte einer der Satelliten sein erstes Video von der Rückseite des Mondes und schickte uns Bilder von der erdabgewandten Seite des Mondes.

Die dunkle Seite Mondes, beeindruckend fremd. Nicht das vertraute Bild der leuchtenden Scheibe, die wir in klaren Vollmondnächten am Himmel sehen, sondern eher ein unbekannter Himmelskörper, dessen von Asteroiden zerklüfteten Oberfläche keinen einladenden Eindruck macht.

In meiner morgendlichen Assoziationskette tauchte zunächst der Titel des Pink Floyd-Albums "Dark Side of the Moon" auf. Ich erinnerte mich an eine Zeit, in der in mir eine Ahnung davon entstand, dass das menschliche Bewusstsein mehr Potential enthält, als mir bis dahin die gesellschaftlichen und kirchlichen Autoritäten vermittelt hatten. Ich schickte damals meine Satelliten auf eine persönliche Mission, in der es vor allem darum ging, Licht in das Dunkel meiner Psyche zu bringen. Seither durchkreuzen sie die Universen menschlicher Erfahrung und die Dimensionen transpersonaler Wirklichkeiten. Die dunkle Seite des Mondes zu ergründen, wurde für mich zu meinem größten Abenteuer.

Die der Alltagserfahrung abgewandten Aspekte unserer Wirklichkeit bieten den Stoff für Mythen, Gruselgeschichten und massive Ängste. Die Psychologie C.G. Jungs spricht vom Schatten der Seele und die Religion vom Bösen. In dem Kinofilm "Krieg der Sterne" kämpft die dunkle Seite der Macht gegen die lichtvollen Krieger des "Guten". Das Motiv vom Kampf zwischen Licht und Dunkelheit durchzieht die religiösen Mythen und esoterischen Traditionen bis in unsere Zeit, als hätte es nie ein Zeitalter der Aufklärung gegeben. Ex-Präsident Bush sagt 2008 vor der Knesset allem Übel in der Welt den Kampf an und steht damit in guter alter Tradition. Die Gesichter der dunklen Mächte sind auswechselbar, die Angst bleibt dieselbe.

In der Evolution des Bewusstseins wird die Erfahrung der dunklen Seite des Lebens wie eine albtraumartige Bedrohung erlebt. Menschheitsgeschichtlich und individuell stehen wir inmitten einer als zerrissen erfahrenen Wirklichkeit, einer Welt, deren lichtvolle, heilsame und glücksverheißenden Aspekte im Widerspruch zu Gewalt, lebensfeindlicher Katastrophen und Tod zu stehen scheinen.
Allzu gerne sieht sich jeder auf der hellen Seite des Spiels. Die anderen sind die Täter, die Terroristen, die Bösen, die das Leben schwer und gefährlich machen. Das nennen wir Projektion.

Und nun zeigt uns die NASA wie wir mit den dunklen Seiten umgehen können. Sie schickt einfach zwei Satelliten los und schaut nach. Was wir sehen ist neu und ungewohnt, aber nicht bedrohlich. Was den Mond angeht, wissen wir schon lange, dass wir nichts zu befürchten haben. Aber ansonsten hält sich eine hartnäckige und misstrauische Haltung allem Schattenhaften gegenüber. Vor allem auf das Unbekannte und Geheimnisvolle der eigenen seelischen Erfahrungswelt reagieren Menschen gerne mit Nichtbeachtung. Jeder hat seine Lieblingsmechanismen entwickelt, um den unangenehmen Gefühlen zu entwischen. Projektion ist dabei sehr beliebt. Religion und Psychologie helfen dabei. Die eine sagt: du bist Mensch und daher weniger göttlich. Die andere meint: du könntest Göttlich sein, bist aber Mensch. Natürlich bieten beide auch Mittel und Wege an, um die vermeintliche Lücke zu schließen: Glaube, Buße, Moral, Therapie, Einsicht, die Bandbreite ist groß. New Age und Esoterik haben inzwischen einen interessanten Marktanteil gewonnen und verkaufen gerne alte Mittel in neuem Gewand - modernes Mittelalter.

Dabei geht es aber genau um jene Lücke, die jeder Mensch im Leben erfährt, den Abstand zwischen dem eigenen Potential und der tatsächlich gelebten Wirklichkeit. Die Ambivalenz zwischen dem, was Menschen für richtig und wertvoll erleben und dem eigenen Verhalten. Himmel und Hölle sind keine metaphysischen Realitäten, sondern sie sind der Ausdruck der menschlichen Erfahrung von Glück und Verzweiflung. Es sind Möglichkeiten, die in jedem Moment in mein Leben einbrechen können, ohne dass ich sie kontrollieren könnte. Genau diese Lücke lässt die Welt dunkel erscheinen. Ihre direkte Erfahrung ist so unangenehm, dass Menschen alles tun, um das zu vermeiden, was sie am meisten fürchten: sich selber einzugestehen, dass sie nicht das leben, von dem sie wissen, dass es ihre Wahrheit ist. Götter, die so tun als seien sie Menschen.

Es gibt es dunkle Seite des Mondes, die können wir jetzt überfliegen und kartieren. Die Vorstellung von den dunklen, schattenhaften Seiten der Seele können wir getrost den Mythen und Märchen zurück geben. Es sieht zwar alles so aus, dass es einen Abstand zwischen Gott und den Menschen gibt, der nicht überbrückbar ist, dass der Mensch grundsätzlich anders ist, ein Mängelwesen, fehlerhaft und durch dunkle Mächte bedroht, ein Geschöpf, das korrigiert werden und erst zur Göttlichkeit transformiert werden müsste. Wenn ich aber meine Satelliten aussende und meine Aufmerksamkeit genau auf diese Erfahrung der Dunkelheit richte, wird sich ein Paradox offenbaren, das mit Worten nicht mehr weiter ausreichend beschrieben werden kann. Die Lücke schließt sich. In der dunklen Nacht der Seele begegnen sich Gott und Mensch. Und beide verschwinden.





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